Der Nachbar fährt runter

Österreich leidet unter einer massiven vierten Infektionswelle – und geht am Montag in den Lockdown. Als erstes Land in der EU will es obendrein ab Februar eine Corona-Impfpflicht einführen. Ein Besuch im Risikogebiet.

Ausgabe vom 20.11.2021
Seite 2 - 3
Von Patrick Guyton


Ganz Österreich ab Montag im Lockdown - Impfpflicht kommt
Trübe Aussichten: Die historische Salzburger Getreidegasse ist als Touristenmagnet normalerweise sehr belebt.   APA
Coronavirus - Österreich
Kaum noch freie Betten: Die Situation in den österreichischen Krankenhäusern – wie hier in den Salzburger Landeskliniken – ist angespannt.   APA
Harald Kratzer
Gebucht und abgesagt: Harald Kratzer, Geschäftsführer des Salzburger Traditionsrestaurants Sternbräu, hofft jetzt auf das Weihnachtsgeschäft.Foto: Privat
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Die Impfung als Wellenbrecher: In Salzburg stehen am Freitag die Menschen in der Schlange vor dem Impfbus.Foto: Barbara Gindl/APA   www.picturedesk.com
Ganz Österreich ab Montag in Lockdown
„Das schmerzt enorm“: Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) verhängt am Freitag über die neun österreichischen Bundesländer zunächst für zehn Tage einen Lockdown. Foto: Johann Groder/dpa   APA

Salzburg. In den Straßen und Gassen der Salzburger Altstadt ist es ungewöhnlich ruhig. Von den wenigen Leuten, die unterwegs sind, tragen die meisten eine FFP2-Maske. In den Schaufenstern entlang der Getreidegasse sind glitzernde Weihnachtsmänner und Engel zu sehen, doch kein Mensch ist in den Läden, um sie zu kaufen. Vor Mozarts Geburtshaus steht fast immer eine Schlange, jetzt wartet niemand vor dem gelben Altstadthaus. „Es sind ja praktisch keine Touristen mehr da“, sagt ein junger Mann.

Es werden auch kaum noch Urlauber kommen – das lässt die Lage einfach nicht zu. Seit einiger Zeit breitet sich in der Stadt das Coronavirus rasend schnell aus. Die Sieben-Tage-Inzidenz der Infizierten pro 100 000 Einwohner ist innerhalb einer Woche von knapp 1094 auf 1719 am Donnerstag in die Höhe geschnellt. Neben dem Bundesland Salzburg ist auch Oberösterreich besonders von der vierten Corona-Welle betroffen. Es musste gehandelt werden – und so kündigten beide Regionen am Donnerstag einen Lockdown für alle Bürgerinnen und Bürger an.

Nur einen Tag später, am gestrigen Freitag, wird in ganz Österreich die Notbremse gezogen. Das Land werde ab Montag erneut in einen Lockdown gehen, der für Geimpfte und Genesene definitiv spätestens am 13. Dezember enden werde, sagte Bundeskanzler Alexander Schallenberg im Tiroler Ort Pertisau. Für Ungeimpfte werde der Lockdown allerdings weitergehen.

Und damit nicht genug: Österreich will als erstes Land in der EU ab Februar 2022 eine Corona-Impfpflicht einführen. „Wir wollen keine fünfte Welle, wir wollen keine sechste und siebte Welle“, erklärte Schallenberg. Impfen – das sei „der langfristige Wellenbrecher“.

Ein Schritt, der schmerzt

Schallenberg hatte sich ebenso wie der oberösterreichische Landeshauptmann Thomas Stelzer und sein Salzburger Kollege Wilfried Haslauer (alle ÖVP) lange gegen einen erneuten Lockdown gesperrt. Die Ausgangsbeschränkungen seien ein schwerer Schritt. „Das schmerzt enorm“, sagte der Kanzler. Und ohne sie beim Namen zu nennen, kritisierte er die in Österreich einflussreiche rechte FPÖ heftig. Deren Impfkritik sei ein „Attentat auf unser Gesundheitssystem“, meinte der Kanzler.

Nun wird also das öffentliche Leben wieder massiv eingeschränkt. Die Bürgerinnen und Bürger dürfen das Haus nur noch verlassen, wenn es notwendig ist. Dazu zählen dringende Einkäufe und Erledigungen sowie der Weg zur Arbeit. Gaststätten und die meisten Geschäfte müssen schließen. Die Schulen bleiben zwar geöffnet, aber Eltern werden dazu aufgerufen, ihre Kinder zu Hause zu behalten.

Ausgangssperre für Ungeimpfte

„Bis in den Oktober war es richtig nett“, sagt Harald Kratzer, „aber jetzt reißt es uns wieder alles weg.“ Der Geschäftsführer des Salzburger Traditionsrestaurants Sternbräu sitzt am Mittag in der fast leeren Lounge seines Hauses. 58 Weihnachtsfeiern waren gebucht, 53 davon sind bislang wieder storniert worden. Trotzdem sagt er: „Wir brauchen jetzt einen kompletten Lockdown.“ Nur so könnten die Corona-Infektionen gebremst werden. Nur so wäre ein „irgendwie normaleres Weihnachten denkbar“, wie Kratzer es ausdrückt.

Ähnlich sieht es die Tourismusbranche. Die Maßnahme treffe die Sparte zum Beginn der Skisaison „ungebremst und in voller Härte“, sagt Branchenvertreter Robert Seeber von der Wirtschaftskammer Österreich. „Es ist aber angesichts der drohenden Überlastung des Gesundheitssystems sowie zur Rettung der Wintersaison wohl unausweichlich“, fügte er hinzu. So wollte der Tiroler Skiort Ischgl eigentlich am 25. November die Skisaison eröffnen – daraus wird vorerst nichts.

Schon zu Beginn der Woche hatte Österreich neue Beschränkungen beschlossen: Die 2-G-Regel – geimpft oder genesen – gilt in weiten Teilen des öffentlichen Lebens, ausgenommen sind nur Lebensmittelläden, Apotheken und Ähnliches. Und für Ungeimpfte gilt eine Ausgangssperre – sie dürfen die Wohnung nur für den Weg zur Arbeit, zum Lebensmitteleinkauf und für die „körperliche Erholung“ verlassen, wie es vom Gesundheitsministerium heißt.

„Die Leute können keine Kleidung kaufen, nicht ins Kino, nicht ins Café, das ist schon hart“, beschreibt Karl Schupfer, der Pressesprecher der Stadt Salzburg, die Lage. Er empfängt in seinem Büro im Schloss Mirabell, einem Barockbau, in dem schon Leopold Mozart mit seinen Kindern Wolfgang und Nannerl musiziert hatte. Schupfer hätte gern einen Mitarbeiter des städtischen Corona-Teams für ein Gespräch organisiert. „Aber die können nicht, die arbeiten wirklich sieben Tage in der Woche fast rund um die Uhr.“ Deshalb müsse man mit ihm vorliebnehmen.

Hoher Stresspegel

Schupfer sagt immer wieder einen Satz, fast flehend: „Wir geben nicht auf.“ Das Team aus 80 Mitarbeitern verfolgt die Kontakte der Infizierten nach, „da sind wir jetzt zwei Tage hinterher“. Das Bundesheer hat zusätzliche Helfer zur Verfügung gestellt. Sie kontrollieren die „Abgesonderten“, wie in Österreich Menschen in Quarantäne heißen. Sie klingeln immer wieder an den Türen und schauen, ob die Menschen noch drin sind. „Fast alle halten sich daran“, meint er.

In welchem Zustand befindet sich die Gesellschaft in Salzburg derzeit? „Der Stresspegel der Leute ist hoch“, sagt der Sprecher. „Viele reagieren auf Kleinigkeiten im Alltag übertrieben, sie werden immer aggressiver.“ Die nächsten zwei bis drei Wochen seien für die Entwicklung der Pandemie entscheidend. Die Politik müsse handeln, irgendwie.

Das alles weist doch auch sehr auf Deutschland und auf das, was bevorstehen könnte, hin. Vielleicht ist Österreich der Bundesrepublik zwei, drei Wochen voraus. Die Impfquoten im Nachbarland liegen bei deutlich unter 70 Prozent ähnlich niedrig wie hierzulande, die Anzahl der Impfgegner dürfte in etwa gleich sein. Und es gibt ähnliche Diskussionen in Österreich und dabei immer wieder die Frage „Wie unverhältnismäßig sind Einschränkungen für Geimpfte und Genesene?“.

Nach der Lockdownankündigung seitens der Regierung zeigen sich die Mediziner erleichtert. „Es ist wirklich höchste Zeit für eine Vollbremsung“, so die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin. Insbesondere in Salzburg sind die Kliniken am absoluten Limit.

Angst vor der Triage

Die Situation in den Krankenhäusern macht vielen Bürgerinnen und Bürgern Angst. „Die Planungen zur Triage in den Spitälern schockieren die Leute richtig“, beobachtet auch Harald Kratzer vom Sternwirt. Die Menschen in Salzburg und Umgebung würden nurmehr wenig rausgehen. Triage – das ist die medizinische Katastrophe. Es ist die Entscheidung darüber, welche Intensivpatienten bei Knappheit ein benötigtes Bett bekommen und welche nicht. Oftmals ist es eine Entscheidung über Leben und Tod. Die Kliniken im Land Salzburg haben nun ein sechsköpfiges Team benannt, das dies bestimmt, wenn es notwendig ist. So etwas gab es noch nie. Paul Sungler, Geschäftsführer der Salzburger Landeskliniken, spricht von einer „Notstandsversorgung“.

Mit dem Problem der Triage befasst sich auch die Intensivmedizinerin Barbara Friesenecker aus Innsbruck schon lange. Entscheidend sei die Frage, so die Medizinerin, „Wer hat die höchste Überlebenschance?“. Der bekomme das Bett, die anderen müssten auf die normale Station „und sterben dort häufig“. Die Frage ist auch, was mit den anderen Erkrankten etwa nach Herzinfarkten oder Schlaganfällen passiert? „Die Ungeimpften belasten das System derzeit maximal.“ Von 22 Covid-Fällen in ihrer Klinik haben sich 18 nicht immunisieren lassen.

Ortswechsel – Hallein, ein Städtchen 20 Kilometer südlich von Salzburg: Julian Engel ist beim Land Salzburg für die öffentliche Gesundheit zuständig und hat am Nachmittag zwei Polizistinnen und zwei Polizisten um sich gesammelt. Ihr Auftrag: Kontrolle der Corona-2-G-Regeln, vor allem in Friseursalons und den noch geöffneten Gaststätten. „Ein Kunde muss bis zu 500 Euro Strafe zahlen, wenn er nicht geimpft oder genesen ist“, berichtet Engel, „und ein Betreiber bis zu 30 000.“

Die Fünfergruppe macht einen entschlossenen Eindruck. Als Erstes ist ein Friseursalon an der Reihe, alle gehen in den Laden und lassen sich von den Kunden die Impfnachweise am Handy oder im Impfbuch zeigen. „Okay, passt, dank schön“, sagt Engel. Beim nächsten Friseur lassen sich zwei Männer die Haare schneiden. Der eine sagt, er sei im Juli infiziert und in Quarantäne gewesen. Eine Bescheinigung hat er aber nicht. Der andere meint, er sei geimpft, das Handy liege allerdings daheim. Engel hält eine etwas strenge Ansprache mit der Aufforderung, die Dokumente an die Polizei zu schicken. Schlechter sieht es für die Friseurmeisterin aus, die den Salon betreibt. Ihr teilt Engel mit, dass sie eine Anzeige erhalten werde – na dann „Guten Abend noch“.

„Wir sind freundlich, wollen aber zeigen, dass es ernst ist“, sagt der Kontrolleur. Bei den weiteren Kneipen und Lokalen an diesem Abend gibt es keine Beanstandungen. Eine größere Runde sitzt in einem italienischen Restaurant vor Pizza und Scampi-Platten. „Super, dass ihr das macht, dass ihr danach schaut“, werden Engel und die Polizisten gelobt. Ab Montag ist die Gastronomie wieder zu, und in Hallein wird es am Abend noch dunkler sein als jetzt schon.

Wir geben nicht auf.

Karl Schupfer, Pressesprecher der Stadt Salzburg

Die ­Ungeimpften
belasten das System ­
derzeit ­maximal.

Barbara Friesenecker, Medizinerin aus ­Innsbruck