„Kommunikation ist das zentrale Problem in der Pandemie“

Der Chef der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, rechnet im Winter 2022 mit einer fünften Welle

Ausgabe vom 20.11.2021
Seite 4


imago images 141385469
Auch das Boostern wird die Infektionen kurzfristig nicht eindämmen: Prof. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko), rechnet im Winter 2022 mit einer fünften Corona-Welle.Fotos: IMAGO/Stefan Boness, Metodi Popow (2)   www.imago-images.de
imago images 140770049
Prof. Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission STIKO)

Herr Prof. Mertens, wie geht es Ihnen gerade als Stiko-Chef?

Es betrübt mich, dass es vielfach offensichtlich nicht gut gelingt, den Menschen die relevanten Informationen zu geben, die ihnen bei der Entscheidung für oder gegen eine Impfung helfen. Das zeigt die zu niedrige Impfquote bei uns. Rund 15 Millionen Menschen haben keinen Impfschutz und können logischerweise auch nicht geboostert werden. Das hat uns in die derzeitige Lage gebracht.

Seit Donnerstag gibt es die Booster-Empfehlung für alle über 18-Jährigen – wenn sechs Monate nach der letzten Impfung verstrichen sind. Wird das die vierte Welle eindämmen?

Natürlich sollen sich alle Menschen in den kommenden Monaten boostern lassen, um den persönlichen Schutz vor Erkrankung und Tod zu erhöhen und die Virusausbreitung zu hemmen – wie Gesundheitsminister Spahn es verkündet hat und die Stiko-Empfehlung sagt. Berechnungen zeigen aber, dass wir durch die Booster-Kampagne keine Chance haben, kurzfristig das Infektionsgeschehen eindämmen zu können. Das wird langfristig helfen. Es ist damit zu rechnen, dass es auch im Winter 2022 eine fünfte Welle geben wird. Wie stark diese ausfällt, hängt davon ab, wie viele Menschen sich impfen und boostern lassen. Das hilft aber nicht mehr akut. Im Augenblick ist es leider so, dass Ältere erst im Dezember oder Januar einen Boostertermin bekommen, weil die hausärztlichen Praxen teils keine Termine frei haben.

Viele Menschen hat es verwirrt, dass Gesundheitsminister Spahn plötzlich sagte, alle könnten sich ab sofort boostern lassen, die Stiko aber weiter betonte: Bitte erst die Älteren.

Ich kann verstehen, dass das bei den Menschen zu Verwirrung führt. Ich kann nachvollziehen, dass das Durcheinander der Informationen überfordern kann. Das zeigt, dass die Kommunikation das zentrale Problem in der Pandemie ist. Aber allgemeine Information ist nicht Aufgabe der Stiko, sondern des RKI, des Gesundheitsministeriums und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Wir sind zuständig für die Aktualisierung der fachlichen Impfempfehlungen, die vor allem für Hausärzte bestimmt sind. Ja, die Älteren sollen besonders rasch geimpft werden.

RKI-Chef Wieler tritt in dieser Pandemie einmal wöchentlich vor die Kamera und erklärt das Infektionsgeschehen. Wäre es denkbar, dass auch die Impfkommission regelmäßig öffentlichkeitswirksam über den Stand der Dinge bei den Impfungen berichtet?

Das ist aktuell nicht leistbar. Die Ausstattung der Stiko ist für solche Extremsituationen nicht ausreichend. Es bräuchte Personal und Geld für die allgemeine öffentlichkeitswirksame Aufklärung.

Was ist aus Ihrer Sicht die zentrale Aufgabe der Stiko?

Unsere Aufgabe ist es nicht, einfach etwas in die Welt zu posaunen, sondern auf der Basis aller wissenschaftlichen Erkenntnisse Nutzen und Risiken der Impfung abzuwägen und zu prüfen. Auf dieser Grundlage sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es sinnvoll war, die für schwere Erkrankung gefährdeten Menschen zuerst zu boostern. Langfristig aber sollen natürlich alle aufgefrischt werden. Man muss auch beachten: Auf Grundlage einer Empfehlung werden Millionen von Menschen geimpft. Geht etwas schief, hat das enorme Konsequenzen. Will man also möglichst viel Sicherheit oder große Schnelligkeit?

In der aktuellen Situation ist es auf jeden Fall relevant, dass Dinge schnell entschieden werden.

Spätestens im Juli lagen – auch der Politik – Modellierungen vom RKI vor, die klar gezeigt haben, wie stark die Winterwelle ausfällt, wenn sich nicht mehr Menschen aus der Gruppe der 18- bis 59-Jährigen impfen und Ältere boostern lassen. Das war und ist das Hauptproblem. Statt alle Energie in die Impfkampagne zu stecken, wird gerade dann aber schon wieder über etwas wenig Zielführendes diskutiert: Die Impfung aller unter 12 Jahren.

Wie meinen Sie das?

Auch da verweisen Kritiker auf das Ausland. Es ist aber auch dort keine Lösung zum schnellen Eindämmen der vierten Welle. Der Impfstoff für die Jüngeren ist in der EU auch noch nicht zugelassen – was für Deutschland ein Problem ist. Dann haftet der Arzt oder die Ärztin dafür, wenn trotzdem geimpft wird. In Österreich hat man das zum Beispiel anders geregelt – da hat die Regierung die Haftung übernommen. Das gibt es in Deutschland so aber nicht. Es ist auch fraglich, ob man das so machen sollte. Die Kinder mit Covid-19 belasten nicht die Krankenhäuser und erkranken glücklicherweise nur sehr selten schwer. Ich kann natürlich verstehen, dass Eltern in Sorge sind, weil sich das eigene Kind infizieren könnte. Aber das Gesundheitssystem wird dadurch nicht entlastet.

Von Saskia Heinze

Unsere Aufgabe
ist es nicht, einfach
etwas in die Welt zu
posaunen, sondern
Risiken der Impfung
abzuwägen.