Zur Person

Ausgabe vom 20.11.2021
Seite 7


Hannover, Kultusministerium: Interview mit Kultusminister Grant Hendrik Tonne
„Die Schulen waren vor einem Jahr nicht am Anstieg der Infektionen schuld und sind es auch jetzt nicht“: Grant Hendrik Tonne.Foto: Katrin Kutter

Herr Minister Tonne, die unter 15-Jäh­ri­gen haben derzeit die höchste Corona-Inzidenz, gleichzeitig liegt die Impfquote bei den Zwölf- bis 17-Jährigen gerade einmal bei 50Prozent. Wie lange können unsere Schulen und Kitas noch offen bleiben?

Wir unternehmen größtmögliche Anstrengungen mit regelmäßigen Testungen, Hygieneregeln, Maskentragen, um die Schulen und Kitas offen zu halten. Das ist kein Selbstzweck oder ein ideologischer Grabenkampf, nur weil ich im Sommer gesagt habe, dass die Schulen offen bleiben sollen. Es gilt, immer wieder abzuwägen zwischen Infektions- und Gesundheitsschutz auf der einen Seite und dem Bildungsauftrag und unserer Verpflichtung gegenüber den Kindern und Jugendlichen auf der anderen Seite. Wir haben gesehen, wie sehr unsere Kinder unter den Einschränkungen der vergangenen anderthalb Jahre gelitten haben, wie wichtig das soziale Lernen in der Schule, das Zusammensein mit anderen in der Kita ist.

Warum halten Sie denn so krampfhaft am Präsenzunterricht fest?

Da stößt mir schon die Frage bitter auf. Was heißt denn krampfhaft? Wieso richtet sich der Blick schon wieder auf die Schulen? Sie waren vor einem Jahr nicht am Anstieg der Infektionen schuld und sind es auch jetzt nicht. Infektionen werden durch die Selbsttests entdeckt, aber sie kommen aus dem privaten Bereich. Die Ursache liegt oft im Freizeitverhalten. Sie werden von dort in die Familien und dann in die Schulen hineingetragen oder vorher durch unsere Testungen entdeckt.

Dennoch gibt es die Forderungen von Elternvertretern, über vorgezogene Weihnachtsferien nachzudenken.

Ich halte das für einen völlig falschen Zeitpunkt, schon wieder über Einschränkungen für Kinder nachzudenken. Solange Erwachsene Karneval feiern, die Fußballstadien voll sind und Erwachsene praktisch ohne Einschränkung in die Kneipe gehen können, können wir Kindern keine Beschränkungen zumuten. Die Erwachsenen sollten lieber ihr eigenes Freizeitverhalten überdenken und ihre sozialen Kontakte einschränken, schließlich haben die Kinder auch monatelang für die Älteren zurückgesteckt. Und alle Erwachsenen, bei denen keine medizinischen Gründe dagegensprechen, sollten sich endlich impfen lassen. Gleichwohl gilt, dass wir die Lage weiter analysieren und wichtige Veränderungen wie zum Beispiel bei Ferien mit ausreichend Vorlauf für Eltern, Kinder und Schulen kommunizieren werden.

Aber vor einem Jahr hat man die Weihnachtsferien am Ende doch früher beginnen lassen.

Das war eine ganz andere Situation! Damals ist praktisch das gesamte öffentliche Leben zum Erliegen gekommen, jetzt ist das anders. Wir können nicht die Schulen und Kitas schließen und das Leben drum herum geht weiter wie bisher. Daher begrüße ich die von Bund und Ländern beschlossenen Maßnahmen. Mit dem Anschärfen durch 2 G und 2 G plus werden auch Kitas und Schulen geschützt.

Wird es bald tägliche Selbsttests und auch Tests für Geimpfte und Genesene geben?

Beide Varianten sind möglich, man kann die Testfrequenz erhöhen, allgemein oder anlassbezogen. Wir gucken uns das ganz genau an. Generell kann man sagen, das Sicherheitsnetz wird engmaschiger werden. Möglicherweise müssen wir auch über eine Verschärfung der Maskenpflicht für Erst- und Zweitklässler nachdenken. Vor ein paar Wochen haben wir noch über Lockerungen diskutiert, jetzt schlägt das Pendel in die andere Richtung. Aber wir in Niedersachsen haben dieses Hin und Her um die Maskenpflicht im Unterricht nicht mitgemacht, wir hatten da lieber eine vorsichtige Haltung, was mir aber auch Kritik eingebracht hat. Es ist sicher keine Zeit für Lockerungen, eher im Gegenteil. Alles ist besser, als die Schulen zu schließen.

Derzeit gibt es mehr als 2000 Corona-Infektionen bei 1,1Millionen Schülerinnen und Schülern. Noch sind das im Verhältnis geringe Zahlen, aber es gibt schon die ersten Schulen, die wieder komplett ins SzenarioC wechseln. Geht Ihr Wunsch, die Schulen offen zu halten, nicht an der Realität vorbei?

Nein, man muss das ins Verhältnis setzen: Neun Schulen sind derzeit ganz oder teilweise im Wechselunterricht. Neun von 3000 Schulen landesweit. Aber selbst, wenn es 50 oder 500 wären– das rechtfertigt keine landesweiten Maßnahmen. Den landesweiten Wechsel in Wechselunterricht oder Distanzlernen sieht die Corona-Verordnung deshalb auch nicht mehr vor. Warum sollte eine ganze Schule schließen wegen einzelner Fälle? Warum müssen Schüler in den Jahrgängen fünf bis 13 zu Hause lernen, nur weil ein Kind aus Jahrgang sieben infiziert ist? Es bleibt richtig, dass auch bei höheren Fallzahlen die Gesundheitsämter vor Ort über die jeweiligen Maßnahmen entscheiden.

Der Bund hat jetzt die Impfpflicht für Pflegeberufe beschlossen. Benötigen wir das auch für Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher?

Bei den Schulbeschäftigten haben wir eine Impfquote von mehr als 95 Prozent, sodass wir das eigentlich nicht bräuchten. Wir werden die Möglichkeiten des neuen Infektionsschutzgesetzes aber nutzen und den Impfstatus erfassen. Die letzten 5Prozent, die sich nicht impfen lassen wollen, werden sich dann täglich testen müssen. Beim Kita-Personal müssen die Träger auch so konsequent vorgehen. Für beide Bereiche gilt: Jetzt ist es Zeit, dass der Booster für Lehrer und Erzieher kommt. Ich bin froh, dass die Ständige Impfkommission die Auffrischung für alle ab 18 Jahren empfohlen hat.

Interview Von : Saskia Döhner

Ich halte das für
einen völlig falschen Zeitpunkt, schon wieder über Einschränkungen
für Kinder nachzudenken.

Grant Hendrik Tonne (45) ist seit 2017 Kultusminister in Niedersachsen. Der Jurist ist verheiratet, kommt aus dem Kreis Nienburg und hat vier Kinder. Seit 1996 ist er SPD-Mitglied.