Müllsammlung gescheitert

Rom versinkt im Abfall, der frisch gewählte Bürgermeister hatte Abhilfe versprochen

Ausgabe vom 20.11.2021
Seite 8
Von Dominik Straub


Müll in Rom
Nichts geht mehr: Nachdem sich die Lage an der Müllfront zunächst entspannt hatte, ist nun alles wieder wie eh und je. Foto: Dominik Straub
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War mit großen Plänen angetreten: Roms neuer Bürgermeister Roberto Gual­tieri.Fotos: Cecilia Fabiano/dpa   LaPresse via ZUMA Press
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Kampf gegen Windmühlen: Ein Müllmann sortiert den Abfall.   LaPresse via ZUMA Press

Rom. Neue Besen kehren gut: Von dieser Hoffnung waren die meisten Römerinnen und Römer beseelt gewesen, als sie bei den Kommunalwahlen vor einem Monat die bisherige Bürgermeisterin Virginia Raggi von der Fünf-Sterne-Protestbewegung aus dem Rathaus gejagt und danach im zweiten Wahlgang den Sozialdemokraten Roberto Gualtieri zu ihrem Nachfolger bestimmt hatten. In keiner anderen Kulturstadt der Welt hat die Redensart von den neuen Besen einen derart handfesten Hintergrund: Rom befindet sich seit Jahren am Rand des Müllkollapses; die Straßen, die Plätze und die Grünflächen sind übersät mit Müll und Unrat aller Art. Nichts hätte die Stadt dringender nötig als einen Bürgermeister, der diesen Zuständen mit eisernem Besen ein Ende bereitet. Die Geduld und die Leidensfähigkeit der Bewohner sind längst am Ende.

Das wusste auch der neue „Sindaco“ im Senatorenpalast auf dem Kapitolshügel, dem prächtigen Amtssitz des Römer Stadtpräsidenten. Und so versprach Gualtieri, kaum im Amt: „Rom wird bis zu Weihnachten sauber sein.“ Und er schritt sogleich beherzt zur Tat: Er schickte den bisherigen Chef der städtischen Müllabfuhr in die Wüste, kratzte in der fast leeren Stadtkasse 40 Millionen Euro zusammen und startete am 1. November eine „raccolta straordinaria“, eine außerordentliche Müllsammlung. Und siehe da: Die überquellenden Container begannen sich zu leeren, innerhalb von wenigen Tagen entfernten die Müllmänner der Ewigen Stadt 2500 Tonnen Abfall aus den Straßen. Da und dort konnte man sich als Fußgänger sogar plötzlich auf den Trottoirs bewegen, ohne ständig im Slalom um herumliegende Müllsäcke zirkeln zu müssen. Nur stellte sich sehr bald ein Pro­blem: Schon nach wenigen Tagen war die einzige derzeit halbwegs funktionierende Notdeponie und Mülltrennungsanlage außerhalb Roms zum Bersten voll. Und vor ihren Toren standen 60 Müllwagenfahrer und warteten vergeblich auf neue Weisungen, wohin sie den Müll bringen sollen. Und zu allem Überfluss streikten dann auch noch die Angestellten der Müllabfuhr – und die Stadt sah kurze Zeit später wieder aus wie vor der „raccolta straordinaria“.

Gualtieris Plan scheiterte am gleichen Problem wie seine Vorgängerin Raggi: Seit im Jahr 2013 die illegale Riesendeponie Malagrotta am Stadtrand geschlossen wurde, weiß die Stadt nicht, wohin mit dem Abfall. Denn die Drei-Millionen-Einwohner-Metropole, deren Bewohnerinnen und Bewohner täglich rund 4700 Tonnen Müll produzieren, verfügt über keine einzige Verbrennungsanlage. Ein großer Teil des Hausmülls wird deshalb seit Jahren einfach in den Rest des Landes exportiert: Täglich verlassen 180 Lkw die Stadt, um den Abfall meist über Hunderte Kilometer in die Entsorgungsanlagen und Verbrennungsöfen anderer Regionen zu befördern. Das ist nicht nur ein ökologischer Irrsinn, sondern auch teuer: Der Müllexport kostet die Stadt jedes Jahr 150 Millionen Euro.

Die naheliegendste Lösung wäre der Bau einer eigenen Verbrennungsanlage. Doch in Rom – und auch in weiten Teilen des übrigen Italien – ist dies ein Tabu: Wegen der Abgase gilt diese Technologie als todbringendes Teufelswerk. Schon Vorgänger Virginia Raggi wollte von diesen Öfen nichts wissen – und auch Gualtieri sucht das Heil nun in der Erhöhung des Anteils des getrennt eingesammelten Abfalls. Ob das funktioniert?

Die Müllkrise ist dabei nur eines von vielen Ärgernissen. „Die Pro­ble­me der Hauptstadt“, erklärte unlängst der Römer Soziologe Domenico De Masi, „sind derart groß und komplex, dass selbst ein Triumvirat aus Churchill, Roosevelt und Stalin Mühe hätte, sie zu lösen.“

Die Pro­ble­me sind derart groß, dass selbst ein Triumvirat aus
Churchill, Roosevelt
und Stalin Mühe hätte,
sie zu lösen.

Domenico De Masi, Soziologe