Klassiker in spe

Tennis-Olympiasieger Alexander Zverev trifft im Halbfinale der ATP-Finals erneut auf Novak Djokovic – die beiden lieferten sich 2021 hochklassige Duelle

Ausgabe vom 20.11.2021
Seite 10
Von Klaus Bellstedt


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Gerüstet: Alexander Zverev hat vor allem an das Halbfinale des olympischen Tennisturniers gegen Novak Djokovic gute Erinnerungen.Foto: IMAGO/Alexey Filippov/SNA   www.imago-images.de

Turin. Bereits zum fünften Mal in diesem Jahr stehen sich am Samstag bei den ATP-Finals in Turin, dem Saisonfinale der besten acht Tennisspieler, Alexander Zverev und Novak Djokovic gegenüber. Die bisherige Bilanz 2021 spricht mit 3:1-Siegen recht deutlich für den 34 Jahre alten Serben, aber Deutschlands Nummer eins kommt Stück für Stück näher. Und er hat mit seinem Halbfinalerfolg über Djokovic bei den Olympischen Spielen in Tokio den aus seiner Sicht wichtigsten Sieg des Jahres ja auch schon eingetütet – und bewiesen, dass er den 20-fachen-Grand-Slam-Champion bezwingen kann.

Natürlich wäre dieses Match bei den ATP-Finals zwischen der Nummer eins der Welt und Zverev, im aktuellen ATP-Ranking an Position drei geführt, ein würdiges Finale. Aber weil der Hamburger durch die Niederlage gegen Daniil Medvedev in der Gruppenphase Punkte gelassen hat, kommt es nun schon in der Vorschlussrunde dieses Eliteturniers in der riesigen „Pala Alpitour“ zu einem der aufregendsten Duelle, die die Tenniswelt derzeit zu bieten hat.

Es ist gerade mal zwei Monate her, dass sich zuletzt die Wege der beiden kreuzten. Sechs Wochen nach seinem Erfolg in Tokio unterlag Zverev im Halbfinale der US Open dem zehn Jahre älteren Djokovic nach einem packenden Kampf in fünf Sätzen. Über dreieinhalb Stunden dauerte das Match, das die Zuschauer wegen der vielen hochklassigen Ballwechsel immer wieder von den Sitzen riss. Am Ende verließen Zverev die Kräfte. Im Sommer in Tokio war es anders.

Bei Olympia waren es nicht die Körner, die dem Serben fehlten. Zverev war spielerisch und taktisch besser. Die sportliche Weiterentwicklung des Deutschen war in diesem Halbfinalmatch besonders gut zu beobachten. Nach dem Verlust des ersten Satzes schwang sich Zverev auch mental zu einer glanzvollen Leistung auf und gewann am Ende cool und abgeklärt mit 1:6, 6:3 und 6:1.

Dieser Comebacksieg, der Zverev ins Olympische Finale brachte, ruft bei ihm immer noch viele positive Erinnerungen hervor. „Das Match gegen Novak, wie ich auch hinten lag, das ist schon der Schlüsselmoment auf dem Weg zur Goldmedaille gewesen“, sagte Zverev vor dem Spiel am Samstag. Aber der Fast-zwei-Meter-Riese wollte auch nicht zu sehr schwelgen: „Wir sind nicht mehr in Tokio, wir sind in Turin. Das ist ein neues Turnier, und ich bereite mich auf ein sehr schweres und sehr langes Match vor.“

Kompliziert und eng waren auch die Duelle der beiden Anfang des Jahres in Australien. Beim ATP Cup in Melbourne und wenig später im Viertelfinale der Australian Open unterlag Zverev jeweils. Die Sätze wurden zum Teil erst im Tiebreak ausgespielt. Es scheint, als würden sich Zverev und Djokovic zu Höchstleistungen anstacheln. Das Resultat war in dieser Saison immer Tennis aus dem obersten Regal.

Im Halbfinale von Turin wird es viel auf die Kondition ankommen. Schon vor den ATP-Finals hatte Zverev über eine gewisse Müdigkeit geklagt. Djokovic hatte nach den US Open eine längere Pause genommen. Anders als Zverev hat der 34-Jährige den kleinen Nachteil, zwischen letztem Gruppenspiel und Halbfinale keinen vollen Tag Pause gehabt zu haben. Aber der Routinier ist erfahren genug, seine Kräfte zu dosieren.

„Es wird viel mehr längere Ballwechsel geben, wir werden mehr rennen, wir werden mehr leiden müssen“, prophezeite Zverev vor dem Halbfinale, das am Freitag der Norweger Casper Ruud mit seinem 2:6, 7:5, 7:6 (7:5) gegen den Russen Andrej Rublow komplettierte. Ruud trifft damit am Samstag auf Medwedew. Das Duell Zverev gegen Djokovic ist indes kein Klassiker, wie im Fußball zum Beispiel die Partie zwischen Real Madrid und Barcelona. Aber es entwickelt sich gerade in genau diese Richtung.