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1938 sagte Thomas Mann in den USA
mit Blick auf das nationalsozialistische Regime: „Democracy will win.“ Heute kämpft Manns Enkelsohn Frido mit den gleichen Worten dafür, dass die Demokratie siegen wird. Aber was
meint er damit?

Ausgabe vom 20.11.2021
Seite 30
Von Kristian Teetz


Thomas Mann
Foto: dpa

Als Donald Trump 2016 seinen Marsch an allen Institutionen vorbei direkt ins Weiße Haus antrat, begleitete ihn immer sein berühmter Wahlspruch: „America first“. Der Weg dorthin und die Zementierung seiner Herrschaft waren begleitet von der Verachtung demokratischer Institutionen und vom Ignorieren der Verfassung. Letztlich leugnete er sogar ein demokratisches Wahlergebnis.

Knapp 75 Jahre vorher hatte sich der deutsche Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann eine andere Formulierung auf die antinazistischen Fahnen geschrieben: Nachdem er 1938 in den USA eine Ansprache mit dem Titel „The Coming Victory of Democracy“ gehalten hatte und diese niedergeschrieben worden war, äußerte Mann bei einem Filminterview drei Worte: „Democracy will win.“

Thomas Manns Enkelsohn folgt seinem Großvater nun in dessen große Fußstapfen und hat seine politische Berufung im Kampf für die Demokratie gefunden. „Democracy will win“ – so lautet denn auch der Titel von Frido Manns neuem Buch, in dem er sich gegen nationalistische und antidemokratische Tendenzen wendet, wie sie an vielen Orten der Welt zu beobachten sind. Auch in Europa und eben mit Trump auch in den USA nehmen solche Tendenzen zu.

„Vor allem in den USA hat sich gezeigt, dass sich die Demokratie in den vier Jahren der Trump-Regierung auf einem absoluten Tiefpunkt befunden hatte“, sagt Frido Mann im Telefoninterview. „Aber es zeigt sich auch: Die Demokratie dort ist nicht am Ende, sondern lediglich durch ein Tal gegangen. Der 6. Januar 2021 mit dem Sturm auf das Kapitol in Washington hat nicht zu den Ergebnissen geführt, die sich einige erhofft haben.“

So bleibt als ein Ergebnis vieler Angriffe auf die Demokratie der vergangenen Jahre auch die Erkenntnis, dass die Demokratie sehr wehrhaft ist – und das mit ihren eigenen rechtsstaatlichen und durch die Verfassung gegebenen Mitteln.

Auch wenn der 81-jährige Frido Mann mit dem Titel „Democracy will win“ eine Beziehung zwischen der Gegenwart und der Zeit herstellt, in der Thomas Mann diesen Satz sagte, sieht er große Unterschiede zwischen damals und heute. „Man kann den Grundimpuls von Menschen, die eine Diktatur errichtet haben, schon vergleichen, aber die Zeit war natürlich eine völlig andere. Ein großer Unterschied ist, dass die Ausbreitung des Faschismus damals sehr übersichtlich war.“ Man habe damals wissen können, wo Faschismus herrsche und wo nicht, und habe sich auch ausrechnen können, wohin er noch kommen kann.

Heute hingegen sei der Faschismus sehr viel subtiler, sehr viel versteckter. „Er manifestiert sich in Gruppen, in Parteien, in Populistenströmen. Manchmal nimmt dieser moderne Faschismus so weit überhand wie in Ungarn. Dort kann man schon fast sagen: Ungarn ist im Grunde ein faschistisches oder zumindest ein faschistoides Land.“ Allerdings, so Mann weiter, müsse man trotzdem sehr vorsichtig sein: „Wir dürfen nicht zu schnell Vergleiche zwischen heutigen faschistoiden Bewegungen und Hitler ziehen. Das ist zu wenig historisch gedacht.“

Über Demokratie wird momentan in vielen Feldern debattiert. So hat sich während der Corona-Krise in den vergangenen eineinhalb Jahren ein weiterer Widerstreit herauskristallisiert: Wird Demokratie zu häufig mit individueller Freiheit gleichgesetzt anstatt mit solidarischen Grundgedanken? „Das ist besonders in den USA der Fall. Gerade die Republikaner missachten oft das, was eigentlich in der Verfassung festgelegt ist: nämlich eine Balance zwischen Freiheit und Gleichheit, zwischen Freiheit und Verantwortung“, sagt Frido Mann, der neben der deutschen und US-amerikanischen auch die schweizerische und tschechische Staatsbürgerschaft hat. „Dieser alte Pioniergeist, der auch auf Solidarität beruhte, sollte sich wieder mehr durchsetzen. Es ist ein Missverständnis, dass Demokratie nur Freiheit und damit zusammenhängende Vorteile bedeutet, die man sich zur Not mit Ellenbogen verschafft.“

Thomas Mann ist der Demokratie nicht nur durch die Schriften gegen das Hitler-Regime verbunden. Als 2016 das ehemalige Haus der Manns im US-amerikanischen Exil, in Pacific Palisades, zum Verkauf stand, kaufte die Bundesregierung das schlecht instand gehaltene Haus. Im Juni 2018 eröffnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Haus als einen Ort der Begegnung. Inmitten der Spannungen zwischen Deutschland und den USA, zwischen der Trump-Regierung und der Merkel-Regierung, sagte Steinmeier in seiner Eröffnungsrede: „Das Ringen um Demokratie, das Ringen um eine freie und offene Gesellschaft ist das, was uns, die Vereinigten Staaten und Deutschland, auch weiterhin verbinden wird.“

Frido Mann hat noch viele Erinnerungen an dieses Haus in Kalifornien – und auch an seinen Großvater. „Ich habe positive Erinnerungen. Vor allem an die letzten drei Monate, bevor ich aus den USA im Frühjahr 1949 nach Europa übersiedelte. Damals war ich acht Jahre alt, fast schon neun, und lebte für drei Monate im Haus meiner Großeltern in Pacific Palisades.“

Für Frido Mann sind nicht nur die Romane, sondern noch viel mehr die politischen Schriften des Nobelpreisträgers eine wichtige Referenz. „Jetzt, wo ich – wenn auch in einer anderen Zeit – versuche, in seine Fußstapfen zu treten und mit ähnlichen Grundsätzen ein zwischenmenschliches Miteinander zu verteidigen, sind sein essayistisches Werk, sind seine späten essayistischen Schriften am wichtigsten“, sagt Frido Mann noch am Telefon. „Da hat er, finde ich, eindeutig mehr zu sagen als sein doch etwas einseitig linksgerichteter älterer Bruder Heinrich.“

Frido Mann: „Democracy will win. Bekenntnisse eines Weltbürgers“. WBG Theiss. 304 Seiten, 29 Euro

Die Demokratie
in den USA ist nicht
am Ende, sondern
lediglich durch ein
Tal gegangen.

Frido Mann,

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