Laterne!

Ausgabe vom 20.11.2021
Seite 30



Zu meinen Pflichten als Bürger einer friedlichen Kleingemeinde mit stabilem Folklorewesen gehört die Überwachung polizeilich genehmigter Laufwege beim Laternegehen – als „freiwilliger“ Ordner. Wobei die „Freiwilligkeit“ auch sozialem Druck unterliegt. Im Prinzip hat meine Frau empfohlen, dass ich da mitmache. Laternegehen schreibt sich übrigens in einem Wort wie Sackhüpfen. Andererseits geht man zwar Laterne, hüpft aber nicht Sack, warum auch immer. Jedenfalls lotste ich einen glühenden Lindwurm aus Fünf- bis Elfjährigen unter Absingen zartester Kinderliedlein durch den Feierabendverkehr.

Aus Gründen der Tradition werden Laternenumzüge im hiesigen Hinterland in der Regel von den wüstesten Dschingderassabumm-Krawallkapellen untermalt. Da hauchen Dreijährige mit liebevoll zusammengeklecksten Lampions leise „Mein Licht geht aus“, und dazu donnert eine wütende Marschkapelle, als gehe es mit Napoleon gen Russland. Durch die Straßen auf und nieder / Rummsen die Kapellen wieder. Im regionalen Musizierwesen hat sich die Annahme durchgesetzt, dass „laut“ auch immer „besser“ impliziert und Musik auch Sport bedeutet. Dies ist nicht der Fall. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass Musik durch die Nichtverwendung eines Schellenbaumes sowie einer löwenköpfigen Rohrrahmen-Lyra mit aufschraubbarem Adler eher gewinnt.

Als Laternegehordner bin ich aber nicht befugt, Geschmäcker zu kritisieren. Das betrifft sowohl die militaristische Musikbegleitung als auch Mionions-Laternen, Lampions aus Rotwein-Tetrapaks oder Turnschuhe mit blinkenden LEDs in der Sohle. Ich bin in meiner Leuchtweste in Angelegenheiten der Sicherheit unterwegs, nicht in solchen der Schönheit. Ein Spielmannszug zum Laternelaufen aber – das ist, als suche man mit einem tieffliegenden „Sikorsky HH-60 Pave Hawk“-Kampfhubschrauber nach Ostereiern. Die schlechte Nachricht: Am Ende war ich taub. Die gute: Es haben alle überlebt. Schönes Wochen­ende!