Ken Follett?

Er ist einer der erfolgreichsten Autoren der Welt, viele seiner Thriller wurden verfilmt. Nun legt Ken Follet mit „Never – Die letzte Entscheidung“ einen neuen Roman vor.
Mit Thomas Pfundtner spricht er
über politischen Wandel, persönliche Veränderung und einen versehentlich ausgelösten Weltkrieg.

Ausgabe vom 20.11.2021
Seite 31


Ken Follet In Madrid
Foto: Oscar Gonzalez/NurPhoto/dpa   NurPhoto

Mr. Follett, erst vor gut einem Jahr erschien „Kingsbridge – der Morgen einer neuen Zeit“, jetzt liegt bereits ein neuer Roman von Ihnen im Buchhandel: „Never – Die letzte Entscheidung“. Das ist bei Ihnen eigentlich unüblich.

(lacht) Ich habe die Corona-Pandemie genutzt und mehr geschrieben als sonst. Besonders bei der Überarbeitung des Manuskripts habe ich mir sehr viel mehr Zeit genommen und alles noch gründlicher überprüft als unter normalen Bedingungen. Ich glaube, das merkt der Leser dem Buch auch an.

Erzählen Sie uns, wie Ihr Arbeitstag aussieht.

Gern. Ich sitze jeden Morgen pünktlich um 6 Uhr an meinem Schreibtisch, den ich mir vor 21 Jahren habe anfertigen lassen, und beginne zu schreiben. Um 9 Uhr mache ich eine ausgedehnte Frühstückspause und um 13 Uhr ist Lunchtime. Spätestens um 16 Uhr mache ich Feierabend und kümmere mich um andere Dinge wie das Bearbeiten von Fanpost und andere Büroarbeiten.

Für viele Deutsche sind Sie der Inbegriff des britischen Gentlemans. Sitzen Sie im Anzug am Schreibtisch?

Oh nein. Jetzt gerade trage ich zwei ältere Pullis übereinander, weil es bei uns so kalt ist. Dazu Jeans und braune Stiefel. Völlig normal also.

Wann haben Sie mit „Never“ begonnen?

Geschrieben habe ich das Buch in 18 Monaten. Aber das Thema treibt mich schon sehr viel länger um – seit meinen Recherchen für „Sturz der Titanen“ (Teil eins der Jahrhundertsaga-Trilogie, Anm. d. R.). Also länger als zehn Jahre.

Das erklären Sie bitte.

Also, ich habe damals festgestellt, dass tatsächlich niemand den Ersten Weltkrieg gewollt hat. Keine Seite, kein politischer Herrscher wollte eigentlich einen derartigen Konflikt.

Wer zum Beispiel?

Der österreichische Kaiser. Er wollte nur die Auseinandersetzung mit Serbien. Auch der deutsche Kaiser dachte nie an einen Weltkrieg. England, Frankreich oder Russland ebenso wenig. Entsprechend trafen die Monarchen und Staatschefs ihre Entscheidungen. Auf ihr Land und ihre Ansichten bezogen, waren das sogar nachvollziehbare Entscheidungen.

Aber …?

… das Problem war, dass jede dieser Entscheidungen die Menschen näher an eine der schrecklichsten Katastrophen brachte, die die Welt je erlebt hatte: Den Ersten Weltkrieg mit mehr als 17 Millionen Toten. Ich glaube fest daran, dass der Erste Weltkrieg tatsächlich ein Unfall war. Und ich habe mich seitdem immer wieder gefragt, ob so etwas wieder passieren könnte.

Das also ist die Grundidee für Ihren neuen Roman?

So kann man es sagen.

Müssen wir uns damit abfinden, dass Kriege mittlerweile Alltag sind?

Auf gar keinen Fall. Ja, es gibt Kriege, die herbeigeführt wurden. Napoleon Bonaparte wollte Krieg. Er konnte ja nichts anderes. Auch Adolf Hitler war ein wahnsinniger Kriegstreiber. Aber ich bin davon überzeugt, dass die meisten Staatsoberhäupter alles dafür tun werden, dass es nicht zum Krieg kommt.

Die Welt verändert sich mit rasanter Geschwindigkeit. Geopolitisch kommt es zu Verschiebungen, die Bewährtes infrage stellen …

… das ist grundsätzlich sicher richtig. Aber vergessen wir nicht, dass es geopolitische Verschiebungen seit Beginn der Zivilisation gibt. Längst verfallene Reiche haben einst die Welt beherrscht. Andere sind aufgestiegen und dann tief gefallen. Es war immer der Anspruch des Menschen, Länder zu erobern oder den Machtbereich auszuweiten. Insofern sind geopolitische Machtansprüche nichts Neues für uns. Zumal diese Veränderungen wichtige Bestandteile oder Merkmale der Geschichte sind. Dennoch halte ich das, was derzeit passiert, nicht für gut. Wir wissen nicht, wie China in den kommenden Jahren handeln wird. Was passiert in Russland? Wie geht es mit Amerika weiter? Unbeantwortete Fragen, die nicht unbedingt positiv stimmen.

Dazu kommt: Rechte Staatenführer dringen auf politischen Wandel.

Ja, das ist alles richtig. Und es sind tatsächlich keine guten Veränderungen. Allein der neue Nationalismus ist brandgefährlich und lockt die Menschen auf eine falsche Fährte. Es wird schon kritisch, wenn es heißt, mein Land ist besser als alle anderen. Kein Land ist besser als ein anderes. Auch nicht Amerika oder China. Ich hätte mir diesen neuen Nationalismus nie vorstellen können, auch bei uns in Großbritannien nicht. Aber er ist vorhanden und manifestiert sich in meiner Heimat durch den Brexit.

Den Sie als Kosmopolit ablehnen?

Ja, total. Ich habe damals dagegen gestimmt und wünschte mir, wir wären nicht aus der EU ausgetreten. Der Brexit bedeutet bis heute einen großen Rückschritt für unser Land. Die Konsequenzen sind noch lange nicht alle absehbar.

Haben wir unsere bisherigen moralischen Werte vergessen?

Nein, das will ich nicht glauben. Die Welt ist im Wandel. Das ist unbestritten. Aber ich bin davon überzeugt, dass der Großteil der Menschen – und auch die meisten Politiker – an moralischen Werten und Maßstäben, so wie wir sie bisher kennen, nach wie vor festhalten. Aber sicherlich gibt es auch andere, die wie unser Premierminister Boris Johnson ständig das Blaue vom Himmel lügen, ohne dass es ihrer Karriere schadet.

Auch in „Never“ gibt es viele Personen, die den Leser an das Gute im Menschen zweifeln lassen.

Oh, ist das so? In meinem neuen Roman tauchen doch viele positive Charaktere auf: die Amerikanerin Tamara, der Franzose Tab, der Chinese Chang Kai. Nicht zu vergessen Abdul aus Beirut und Kiah aus dem Tschad. Sie alle wollen etwas verändern und kämpfen für ihre gute Sache. Insofern glaube ich nach wie vor an das Gute im Menschen. Ich bin mir sicher, dass nach wie vor viele Menschen aufstehen und für das Gute kämpfen.

Aber die Frage bleibt doch, ob sie auch eine Chance gegen das Böse oder Übermächtige haben?

Es wäre doch schlimm, wenn ich glauben würde, die Guten hätten keine Chance. Ich kann nicht sagen, ob der Erfolg garantiert ist. Aber eine Chance, ja, die haben sie!

Beziehen Sie das auch auf den sogenannten kleinen Mann, den Unbekannten von der Straße?

Für ihn ist es sicherlich nicht immer ganz einfach. Aber die Geschichte beweist immer wieder, was alles möglich ist. Die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR ist dafür doch das beste Beispiel.

Apropos Mauerfall. Glauben Sie, dass durch ihn viele Veränderungen in der Welt und den Gesellschaften beschleunigt wurden?

Ja und nein. Alle dachten 1989, als die Steine bröckelten, die Welt würde sich nun radikal ändern. Das ist sicherlich auch passiert. Zum Beispiel bei Ihnen in Deutschland. Aber betrachten wir doch die damalige UdSSR. Ihr Zerfall wurde auch durch den Mauerfall eingeläutet. Wie wir heute sehen, hat sich die Situation in der Sowjetunion trotzdem nicht verändert: Die Menschen werden nach wie vor von einem mächtigen Geheimdienst und einer brutalen Polizei kontrolliert. Die Russen sind teilweise ärmer als vor 1989, während die herrschende Klasse und ihre Schergen reicher und mächtiger sind als jemals zuvor. Auch gibt es keine freie Meinungsäußerung in Russland. Das Land wird immer noch diktatorisch regiert.

Die Welt glaubte nach dem Mauerfall an eine Zeit des Friedens. Das Gegenteil ist eingetreten. Es gab noch nie so viele regionale und internationale Konflikte …

…das ist erschreckend, aber leider wahr. Darüber müssen wir nachdenken und nach Lösungen suchen.

Was können wir denn überhaupt unternehmen, damit es nie wieder Krieg gibt?

Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann – die meiner Meinung nach sogar niemand beantworten kann. Ja, auch ich teile den Wunsch nach Frieden und den guten Absichten, die von so vielen Organisationen ausgehen. Aber es spielen zu viele Komponenten eine Rolle, als dass es die eine Antwort geben könnte. Was ich aber weiß: Kriege zu verhindern setzt in der Politik Ruhe und Bedachtsamkeit voraus. Es bedarf oft viel Mut zu sagen: Ich schicke mein Land nicht in einen Krieg.

Deutschland, England und Europa spielen im Buch keine Rolle. Sind sie die Verlierer der globalen Änderungen?

Nein, ich glaube gerade Europa ist wichtig für die politische Welt. Besonders unter wirtschaftlichen Aspekten. Europa könnte in der ökonomischen Welt eine viel größere Rolle spielen. Auch wenn es im Moment vielleicht nicht so aussieht, Europa ist im Kampf gegen eine Übermacht Chinas am besten aufgestellt.

1989 wechselten Sie Ihr Image und schrieben historische Romane statt Thriller. Ihr Roman „Die Säulen der Erde“, die Geschichte über den Bau einer Kathedrale, hat sich weltweit fast 30 Millionen Mal verkauft. Ihre Fans und die Verleger hatten wieder mit einem Historienepos gerechnet und erhielten ein weltumspannendes, actiongeladenes Drama, das in der Gegenwart spielt.

Das ist richtig. Ich habe „Never“ aus zwei Gründen geschrieben. Zum einen bin ich davon überzeugt, dass meine Grundidee eine sehr gute Geschichte für einen Roman ist. Zum anderen wollte ich eine persönliche Veränderung, sagen wir ruhig: Ich wollte mich ein wenig neu erfinden, so wie es andere Künstler auch immer wieder machen. Also habe ich mich von einem historischen Roman verabschiedet und mich mit der Gegenwart beschäftigt. Dieses Buch war für mich inhaltlich etwas völlig Neues, auch mit seinem Ende. Jetzt kann ich nur hoffen, dass meine Leserinnen und Leser spüren, wie wichtig mir der Wandel war. Ich bin wahnsinnig auf die Reaktionen gespannt.

Ohne den Plot Ihres Buchs zu verraten. Was glauben Sie: Ist das Ende reine Fiktion oder denkbar?

Möglich ist tatsächlich alles.