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Die letzte Landung

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Der Airbus A310 „Kurt Schumacher“ hat sein Ziel im Serengeti-Park erreicht. Auf dem vier Jahre langen Weg liegen Gutachten, Prozesse und ein findiger Baumretter – der Rückblick auf das Mega-Projekt.
Von Andreas Krasselt
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Hannover/Hodenhagen.
Der Airbus A310 hebt ein allerletztes Mal ab. Die „Kurt Schumacher“ schwebt. Etwa 30 Meter hoch wird der Rumpf am Donnerstag im Serengeti-Park Hodenhagen von zwei Kränen in die Luft gehoben, an zwei Schlaufen vorne und am Heck hängend durch die Luft auf seine endgültige Parkposition gebracht. Dort soll sich seine Zukunft als Parkrestaurant erfüllen.

Um 12.35Uhr setzt der Airbus mit einem sanften Ruck auf der Stützkonstruktion auf. Auch dieser Tag bringt einige Verspätungen, weil die Vorbereitungen für das schwierige Manöver Zeit brauchen. Verzögerungen gehören bei diesem Projekt ja mittlerweile zum Alltag. Als Fabrizio Sepe, Chef des Serengeti-Parks, auf die Idee kam, diese ausrangierte Bundeswehrmaschine anzuschaffen, ahnte er nicht, was auf ihn zukommen wird.

Vom Militärjet zum Gastro-Highlight

Das Flugzeug wird im September 2021 von der Bundeswehr ausgemustert und auf einer Versteigerung angeboten. Sepe ist zu diesem Zeitpunkt auf der verzweifelten Suche nach einer Idee, wie sich das dringend benötigte dritte Restaurant für den Park trotz extrem gestiegener Baupreise doch noch realisieren lässt. Der Park will seine Übernachtungskapazitäten um 600 Betten erweitern. Und so viele zusätzliche Gäste wollen auch bewirtet werden.

Für das Restaurant war ursprünglich eine Million Euro eingeplant. „Mein Bauingenieur sagte, für das Geld könne er vielleicht die Toiletten bauen, aber niemals ein Restaurant. Dafür bräuchten wir 2,5 bis 3 Millionen Euro.“ Doch eben dieser Bauingenieur hat auch Kontakte zur Vebeg, die für die Versteigerung von Bundeswehrartikeln zuständig ist. Und so erfährt Sepe von der Auktion. Die Idee eines Flugzeugrestaurants scheint aus vielen Gründen, auch wirtschaftlichen, verlockend. Sepe bietet nach eigenen Aussagen eine fünfstellige Summe.

Er habe nie gedacht, mit dem Gebot zum Zuge zu kommen, sagt er. Doch die Bundeswehr entscheidet sich für ihn, auch damit der Airbus in Deutschland bleiben kann. Die Maschine hat eine bewegte Vergangenheit. Zuletzt war sie für Evakuierungen aus Afghanistan eingesetzt worden. Sepe sieht in der Anschaffung eine gute Gelegenheit, „die Vision und Mission des Serengeti-Parks mit einem neuen, geschichtsträchtigen Leuchtturmprojekt zu verbinden.“

Noch als die Maschine nach ihrem letzten Flug am 3. September 2021 in Langenhagen landet, ist er sicher, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Ein Transportunternehmer habe ihm versichert, dass es mit der Überführung der „Kurt Schumacher“ nach Hodenhagen keine Probleme geben würde.

Widerstand und Kontroversen um den Transport

Die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr erteilt ihre Zustimmung für den Transport, stellt aber klar, dass diese nur für die Straßen gilt. Für eine Überführung dieser Größenordnung brauchen die Transporteure aber auch reichlich Platz neben den Straßen, wo Ampeln, Schilder und Bäume stehen. Dafür sind Behörden vor Ort zuständig, als erste die Untere Naturschutzbehörde der Region Hannover.

Kurz nachdem Sepe den Transport bei der Region Hannover beantragt, gibt es Kritik. Die Grünen befürchten, dass für den Transport hunderte von Bäumen gekappt oder gar gefällt werden müssten, auch im Landschaftsschutzgebiet Ellernbruch. Mit einer Anfrage Mitte September 2021 an die Region fordern die Grünen eine Liste der zu erwartenden Schäden.

Kritik kommt auch aus der Wedemark. Gemeindebürgermeister Helge Zychlinski (SPD) kündigt am 20. September an, er wolle den Transport durch Intervention beim Verkehrsminister stoppen lassen. Sepes Vorhaben nennt er „arrogant und zynisch: Für ein Spaßrestaurant in einem Freizeitpark soll die Natur am Rand des Transportweges zerstört werden.“

Der Serengeti-Park dementiert. Es werde nicht zu großflächigen Fällungen kommen, und für notwendige Eingriffe würden Aufforstungen als Kompensation geleistet. Ein Runder Tisch am 23. September mit allen Beteiligten soll helfen. Doch die Argumente des Parks können die Kritiker nicht überzeugen. Vom Serengeti-Park werden weitere Untersuchungen und Gutachten zugesagt.

Darüber vergeht die Zeit. Verzögerungen gibt es auch an anderer Stelle: Die Demontage von Flügeln, Leitwerk und Triebwerken dauert länger als geplant. Schon aus diesem Grund sei der Transport frühestens Ende Januar 2022 möglich, heißt es. Doch auch dieser Termin ist aus technischen Gründen nicht mehr zu halten. Noch im April ist es nicht gelungen, die Tragflächen abzubauen. Und die Untere Naturschutzbehörde verweigert ohnehin die Zustimmung zum Transport.

Behördliche Hürden und innovative Lösungen

Das Transportunternehmen bessert sein Gutachten nach. Doch die Behörde lässt sich Zeit, stellt immer wieder Nachfragen, die weitere Messungen erfordern. Die Grünen in der Wedemark werden unruhig und fordern im August 2022 Aufklärung von der Region über den Stand der Dinge. Der Nabu demonstriert mit Messstäben an Bäumen in der Wedemark, wo offenbar Äste im Weg wären.

Ein von der Region in Auftrag gegebenes Gutachten kommt auf nachhaltige Schäden an 87 Bäumen. Die Behörde verweigert dem Park am 28. September die Genehmigung. Das Unternehmen stellt einen neuen Antrag mit neuen Gutachten. Auch dieser wird Anfang Mai 2023 von der Region abgelehnt. Dagegen legt der Park Widerspruch ein. Sepe bringt eine neue Idee ins Spiel: Mit der Methode des „Reverse Riggings“ könnten störende Äste behutsam nach oben gebogen werden, ohne geschädigt zu werden.

In der Nacht zum 17. Oktober 2023 werden immerhin die Tragflächen und andere demontierte Teile nach Hodenhagen gebracht. Doch Sepes Widerspruch gegen die verweigerte Zustimmung lehnt die Region im November 2023 ab. Am 11. Dezember reicht Sepe dagegen Klage beim Verwaltungsgericht ein.

Monatelang passiert nichts. Das Verfahren ist umfangreich. Anfang Oktober 2024 kündigt der CDU-Landtagsabgeordnete und ehemalige Innenminister Uwe Schünemann an, sich für den Transport einsetzen zu wollen.

Endlich am Ziel: Der Airbus

erreicht den Serengeti-Park

Sepe baut parallel weiter auf Gespräche und zieht im Dezember einen neuen Trumpf aus dem Ärmel: Mit Hilfe zweier Spezialdeichseln könne die Transporthöhe um 90 Zentimeter gesenkt werden. Zusammen mit dem Reverse Rigging kann dieser Kunstgriff letztlich auch die Regionsverwaltung überzeugen. Überraschend gibt sie am 6. Juni 2025 bekannt, dem Transport grünes Licht gegeben zu haben. Wenige Tage zuvor war schon durchgesickert, dass Sepe seine Klage zurückgezogen hat.

Und nun ist der ausrangierte Airbus nach vier Jahren Wartezeit und spektakulären nächtlichen Schwertransporten endlich im Serengeti-Park gelandet. Gekostet hat das ganze Abenteuer nach Sepes Angaben mittlerweile rund 5 Millionen Euro.