Ein Rauch von Exklusivität

Wer den Zigarrenladen James J. Fox durch die schwere Holztür betritt, findet sich in einer anderen Zeit wieder. In der Luft schwebt ein würziger, süß-herber Duft. Dunkle Holzregale prägen das Interieur des 1787 gegründeten Geschäfts. Sie sind gefüllt mit Tabakpfeifen und -dosen. Verkäufer in Nadelstreifenanzügen mit sorgfältig gefalteten Einstecktüchern beraten an diesem Vormittag mit ruhiger Selbstverständlichkeit und typischem Upper-Class-Akzent.
Der Laden, der einst Robert Lewis hieß und später mit James J. Fox zusammengeführt wurde, liegt in St. James’ – jenem Viertel unweit des Buckingham-Palasts und Westminster, wo Macht und Stil seit Jahrhunderten eine enge Verbindung eingehen. Es ist Heimat eleganter Geschäfte, Kunstgalerien und Antiquitätengeschäfte sowie exklusiver Gentleman-Klubs.
Zwischen dem grünen St. James’s Park und den Prachtstraßen Piccadilly und Pall Mall gelegen, ist das Quartier weniger ein Einkaufsviertel für die Massen als ein Zentrum elitärer britischer Lebensart, das bis heute vorwiegend Männern vorbehalten ist. Hier reihen sich Herrenausstatter, Hutmacher und Parfümerien an Weinhändler und Zigarrenläden – darunter auch James J. Fox.
So bleiben die Zigarren frisch
Die Führung durch den traditionsreichen Laden wurde an diesem Vormittag vom Fotografen Horst A. Friedrichs organisiert. Für den Bildband „Feine Läden – London. Traditionsgeschäfte und Manufakturen“ besuchte er gemeinsam mit dem britischen Autor Stuart Husband nicht nur „James J. Fox“, sondern auch 19 weitere erlesene Geschäfte der Millionenmetropole – von urigen Schneidereien über schrullige Knopfläden bis zu Silberkammern. Das Buch vermittelt damit einen Einblick hinter die Kulissen von außergewöhnlichen Shops – und nicht wenige davon befinden sich im Viertel St. James’s.
Obwohl James J. Fox in erster Linie Zigarren verkauft, sind diese im Verkaufsraum zunächst nicht zu sehen. Stattdessen lagern die edlen Rauchwaren in einem separaten, klimatisierten Bereich im hinteren Teil des Geschäfts bei 18 bis 21 Grad. Entscheidend sei dabei weniger die Temperatur als vielmehr die Luftfeuchtigkeit, erklärt David Warren, Sprecher des Zigarrenladens, der mit Hemd und dunkelgrauer Weste vergleichsweise leger gekleidet ist. „Ideal sind Werte zwischen 69 und 72 Prozent.“ Werden Zigarren zu trocken aufbewahrt, verlieren sie Aroma und Qualität, fügt er hinzu, während er die Tür hinter sich sorgfältig schließt.
Helle Regale mit Schubladen, die bis zur Decke reichen, sind prall gefüllt mit Kisten und Schachteln, bestückt mit Zigarren aus aller Welt. Überwiegend offen präsentiert, unterscheiden sie sich in Größe und Farbe, tragen jedoch alle eine Banderole, die ihre Marke verrät: „Wir haben hier tatsächlich so ziemlich jede handgemachte Zigarre – von den berühmten Kubanern bis zu edlen Linien aus Nicaragua, der Dominikanischen Republik und Honduras.“
Die Kunden seien so „individuell und unterschiedlich“, sodass sich kaum ein typisches Profil zeichnen lasse, sagt Warren. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton war schon da, das darf er verraten, und außerdem viele Entertainer, Sportler, Schauspieler und Adelige.
Rauchen gehörte zum guten Ton
Ein Blick ins späte 19. Jahrhundert offenbart zudem: Auch der berühmte englische Dramatiker und Essayist Oscar Wilde war Stammgast in dem Laden. Zeitgenossen beschrieben, dass der im Jahr 1854 geborene Literat schon zu seinen Studentenzeiten ständig eine Zigarette in der Hand hielt. Denn Rauchen gehörte in der britischen Oberschicht im 19. Jahrhundert zum guten Ton. Und wie der Historiker Seth Alexander Thévoz in seinem Buch Behind Closed Doors: The Secret Life of London’s Private Members’ Clubs (Hinter verschlossenen Türen: Das geheime Leben der Londoner Privatklubs) schreibt, wuchs mit der Einführung des Tabaks auch der Wunsch, ihn gemeinsam zu genießen. „Fast alle Klubs“, so Thévoz, „richteten eigene Rauchzimmer ein“. Sie waren im 19. Jahrhundert oft die Herzstücke der exklusiven Häuser von St James’s. Hier traf sich die männliche Elite des britischen Empire – Politiker, Offiziere, Schriftsteller, Industrielle. Es waren Räume der Inszenierung und Selbstvergewisserung. Und: Viele existieren bis heute.
Kleidung spielte dabei laut dem britischen Historiker David Kuchta von der University of New England eine zentrale Rolle. Der dunkle, maßgeschneiderte Anzug wurde zum sichtbaren Symbol von Disziplin und Seriosität. In den Klubs von St. James’s drückte sich dieses Ideal in allem aus – in der Art, wie man sprach, stand, rauchte oder schwieg. Haltung war Pflicht, Emotion ein Risiko. Wer etwas auf sich hielt, konsumierte, um durch seine edle Erscheinung gerade nicht aufzufallen, so Kuchta. Es ging also um die „Abwesenheit von Zurschaustellung“. So entstand jenes Bild des typisch britischen Gentleman als Inbegriff von Eleganz und Zurückhaltung.
In der Jermyn Street in St. James’s erinnert heute eine Bronzestatue an Beau Brummell, der als der erste englische Dandy überhaupt gilt: Er trägt Frack und Stock, den Kopf leicht geneigt, den Blick selbstbewusst, fast spöttisch – so, als prüfe er den Stil der Vorübergehenden. Brummell, ein ehemaliger britischer Offizier und gesellschaftlicher Aufsteiger, der Anfang des 19. Jahrhunderts in der St James’s Street verkehrte, trieb das Ideal des Gentlemans mit seiner Erscheinung auf die Spitze. Zeitgenossen beschrieben ihn als schlank, tadellos gepflegt, stets in dunklem Gehrock, weißer Weste und makellos gebundener Krawatte. Eigenen Angaben zufolge benötigte Brummel ganze fünf Stunden, um sich anzuziehen. So zeigte er, dass Männlichkeit nicht naturgegeben war, sondern gemacht – so Kuchta.
Auch Oscar Wilde, der Samtjacken, kunstvoll gebundene Halstücher und Nelken im Knopfloch trug, galt als Dandy. In seiner Eleganz lag dabei jedoch auch eine Weichzeichnung des Männlichen, die sich der Eindeutigkeit entzog.
Churchills eigene Zigarre
In St. James’s ließen sich die Gentlemen und Dandys ihrer Zeit ihre Anzüge maßschneidern, ihr Rasierwasser mischen und Einstecktücher falten. Hier traf er seinesgleichen in exklusiven Klubs, wo gepflegtes Auftreten und geistreiche Konversation mehr galten als Muskelkraft oder Tatendrang. In dem eleganten Stadtteil fanden die Mächtigen und Intellektuellen ihre Orte, an denen diskutiert, getrunken und eingekauft wurde. Zu ihnen zählt auch der Zigarrenladen James J. Fox, wo neben Wilde wenige Jahre später auch der legendäre Kriegspremier Winston Churchill einkaufte. Auch für ihn, der viel Wert auf sein Äußeres legte, war St. James’s eine feste Adresse.
An diesem Vormittag präsentiert Warren im Humidor ein besonderes Stück, das an den berühmtesten Stammgast des Hauses erinnert. Er greift nach einem silbernen Tubus und dreht ihn auf. Vorsichtig zieht er das rundgerollte Rauchwerk heraus. Es handelt sich um eine „Romeo y Julieta Churchill“, das klassische Format der Marke, benannt nach dem Mann, der sie berühmt gemacht hat. Es war seine Lieblingszigarre. Sie liegt schwer in der Hand. „Sieben Zoll lang, Ringmaß 47 – das ist typischerweise eine 90-Minuten-Zigarre“, sagt Warren. Auf unzähligen Fotografien ist der frühere Premierminister damit zu sehen – vor dem Kabinett in der Downing Street Nummer 10 oder beim berühmten Victory-Zeichen.
Churchill machte die Zigarre, wie die Historikerin Franziska Augstein in „Winston Churchill. Biografie” schreibt, „Pressefotos und Karikaturen stets im Blick, zu seinem Markenzeichen“. Sie wurde zum sichtbaren Symbol jener Haltung, die Gelassenheit und Autorität zugleich ausstrahlen sollte, „ließ ihn souverän wirken“, so Augstein weiter. War Churchills Leben vor dem Zweiten Weltkrieg privat und beruflich von Brüchen und Rückschlägen geprägt, wurde er nach dem Krieg zur Heldenfigur stilisiert. Er stand für jene Tugenden, die das Durchhalten seines Landes in den 1940er-Jahren möglich gemacht hatten: Beständigkeit und Verlässlichkeit, betonen Experten. Auch im Auftreten verkörperte er den britischen Gentleman – mit seinem Stock und den maßgeschneiderten Anzügen und den stets sorgsam gebundenen Fliegen aus der Savile Row, jener Londoner Straße, in der seit dem 19. Jahrhundert die renommiertesten Herrenschneider ansässig sind.
Auch bei JJ Fox, wie Kunden den Zigarrenladen nennen, wird der Mythos um Churchill sichtbar. Unter dem Zigarrengeschäft befindet sich das kleine Freddie-Fox-Museum, benannt nach einem früheren Inhaber des Hauses. In dem schmalen Raum voller Vitrinen und Erinnerungsstücke steht in einer Ecke ein dunkler Ledersessel, der längst zum stillen Star der Ausstellung geworden ist. Er soll einst im Verkaufsraum gestanden haben – genau dort, wo Churchill regelmäßig seine Zigarren auswählte. Heute dürfen Besucher darauf Platz nehmen. Im Laufe der Jahrzehnte hat er sichtbar gelitten, das braune Leder ist teilweise verschlissen. „Hoffentlich können wir ihn wieder instandsetzen, damit er noch eine weitere Generation übersteht“, sagt Warren.
Wer sich weiter umsieht, stößt auf eine Glasvitrine, die dem berühmtesten Stammkunden gewidmet ist. Churchill blickt einem dort gleich mehrfach entgegen: als karikaturhafte Bronzefigur, als kleine Büste mit entschlossener Miene. Dazwischen finden sich eine Originalbox „Romeo y Julieta“ und ein schwarzer Bowler-Hut. Auf einem Holzblock mit Union Jack ist ein berühmtes Zitate eingraviert, das dem früheren Premier zugeschrieben wird: „Ich trinke viel, ich schlafe wenig, und ich rauche eine Zigarre nach der anderen. Deshalb bin ich zu 200 Prozent in Form.“
Zu den zentralen Ausstellungsstücken gehört auch das sogenannte Ledger, ein großformatiges, in Leder gebundenes Kundenbuch. „Darin haben wir alle seine Zigarrenkäufe über Jahrzehnte hinweg festgehalten“, erklärt Warren.
Hartnäckige Anekdote um Oscar Wilde
Während Churchills Käufe sorgfältig dokumentiert sind, rankt sich um Oscar Wilde eine hartnäckige Anekdote: Dieser soll dem Laden nach seinem Tod Schulden hinterlassen haben. Doch dieses Gerücht gehört ins Reich der Legenden. Warren stellt klar: „Es war alles geregelt. Die Schulden waren längst bezahlt.“ Wilde hatte also – anders als oft behauptet – alle Rechnungen beglichen, lange bevor sich nach seinem Tod im Jahr 1900 Mythen um seine Person zu verdichten begannen.
Wenn Wilde den Laden verließ, ging er, so sagt man heute, womöglich noch ein Stück weiter die Straße hinunter – zur Apotheke D.R. Harris & Co. in der Nummer 29. Diese ist fast so alt wie der Zigarrenladen und war unter anderem bekannt für ihr Tonikum gegen die kleinen Erschöpfungen des Lebens. „Oscar Wilde kam wohl regelmäßig zu uns, um sich sein Pick-me-up zu holen“, sagt Julian Moore, Geschäftsführer des Unternehmens. Der Schriftsteller soll es nach langen Nächten gegen Müdigkeit und Übermaß geschätzt haben. Hauptbestandteile des „Aufmunterung-Tonikums“ waren laut dem Unternehmen Enzian, Nelke und Kardamom. Eine leicht veränderte Variante gibt es noch heute, in Fläschchen für knapp zehn Euro für zehn Milliliter.
Gegründet von den Cousins Henry und Daniel Rotally Harris, entwickelte sich D.R. Harris & Co. Ende des 18. Jahrhunderts rasch zu einer festen Größe in London. „Wir sind seit 1790 hier und haben als klassische Apotheke begonnen“, erzählt Moore. In frühen Jahren seien sogar kleinere chirurgische Eingriffe vorgenommen worden. „Das war vermutlich ein ziemlich unangenehmer Ort“, meint er mit einem Schmunzeln.
Doch wie alle Apotheken jener Zeit stellte auch D.R. Harris & Co. seine eigenen Produkte her: Kolonialwaren, Medikamente, Tinkturen. Und das machen sie bis heute. Das Sortiment der Apotheke ist vielfältig, hat jedoch klar eine männliche Kundschaft auf der Suche nach britischer Eleganz im Blick: von traditionell hergestellten Rasierseifen, über Deodorants in verschiedensten Duftrichtungen bis zu Cremes, Ölen und Parfüms. Auch kleinere Geschenkartikel gehören dazu, etwa die „soap on a rope“, sagt Moore und lässt eine helle Seife an einer Kordel vor sich her baumeln. Zur Kundschaft ist laut Moore auf jeden Fall eher männlich. „Aber es gibt auch viele Frauen, die für ihre Männer einkaufen – um sie ein wenig zu verbessern“, sagt er und lacht.
Die Verbindung zum britischen Königshaus gehört zum Stolz des Hauses. „D. R. Harris & Co. ist offizieller Hoflieferant“, sagt Moore und deutet auf zwei Urkunden, die neben einem alten Apothekerschrank hängen. Sie tragen das königliche Wappen und sind in dunklem Holz gerahmt. Vergeben werden die Royal Warrants von Mitgliedern der königlichen Familie, und sie müssen in regelmäßigen Abständen erneuert werden. Wer sie behält, gehört zum kleinen Kreis traditionsreicher Firmen, die seit Generationen den Hof beliefern – vom Parfümeur bis zum Schneider.
„Wir hatten großes Glück“, so der Geschäftsführer, „wir waren eines von nur sieben Unternehmen, die in der ersten Runde neben jener von König Charles III. auch eine Auszeichnung von Königin Camilla erhalten haben. Wir dürfen sie auf all unseren Eigenmarken-Produkten verwenden – und das ist natürlich sehr schön.“
Auf die Frage, ob Prinz William und Co. auch mal persönlich vorbeikommen, lacht Moore. „Es läuft über ihre Leute, ihr Personal. Diese kauften dann teils „eigene Produkte, teils medizinische Dinge”. Mehr, so betont Moore, dürfe er dazu nicht sagen. Wie schon zu Zeiten Churchills und Wildes lebt die Kunst des Understatements auch bei D.R. Harris & Co. fort.
Wir haben hier tatsächlich so ziemlich jede handgemachte Zigarre – von den berühmten Kubanern bis zu edlen Linien aus Nicaragua, der Dominikanischen Republik und Honduras.
Ich trinke viel, ich schlafe wenig, und ich rauche eine Zigarre nach der anderen. Deshalb bin ich zu 200 Prozent in Form.