„Kooperativ – wenn möglich“

Die gute Nachricht dabei: Mit Streiks ist zunächst nicht zu rechnen. Beide Seiten haben schon im zurückliegenden Tarifabschluss eine zweimonatige Friedenspflicht bis Ende Februar vereinbart. Gibt es jedoch keine Einigung, könnte es im März wieder zu ersten Ausständen kommen. Für die GDL steigt erstmals Mario Reiß als Verhandlungsführer in den Ring. „Unsere Kernforderung ist eine Entgelterhöhung in einem Volumen von 8 Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Davon sollen 3,8 Prozent als allgemeine, lineare Entgelterhöhung bei allen Beschäftigten ankommen“, sagte der Gewerkschaftschef. Der verbleibende Teil solle in neu strukturierte Entgelttabellen fließen, „um Berufserfahrung, Qualifikation und langfristige Treue zur Eisenbahn angemessen abzubilden“.
Die Inflationsjahre hätten sämtliche tariflichen Verbesserungen der vergangenen Runden vollständig aufgezehrt, betonte Reiß. „Steigende Mieten, Energiepreise, Lebensmittelkosten und Mobilitätsausgaben haben die Kaufkraft der Beschäftigten geschwächt.“ Ohne eine echte Stärkung des Personals im Kernbetrieb werde die Bahn ihre Aufgaben für die wichtige Infrastruktur nicht erfüllen können, davon ist er überzeugt. „Die Bahn steht zudem im Wettbewerb um neue Fachkräfte mit anderen Industrien.“ Der Personalvorstand der Deutschen Bahn, Martin Seiler, versicherte vor Beginn der Gespräche: „Die Bahn geht mit ausgestreckter Hand in die Tarifverhandlungen mit der GDL.“ Man wolle „konstruktiv verhandeln und in den vereinbarten zwei Monaten einen fairen und tragfähigen Abschluss am Tisch erreichen“. Für den Fall, dass das nicht gelingen sollte, würden bereits vor dem Beginn der Verhandlungen Einzelheiten über eine mögliche Schlichtung abgestimmt.
Der Schwerpunkt der Bemühungen liege vor allem darauf, die Bahn besser zu machen, schneller und kundenorientierter – sodass auch die Beschäftigten wieder stolz auf ihr Unternehmen sein könnten, sagte Seiler. Er appellierte an die „gemeinsame Verantwortung der Sozialpartner, die Krise zu meistern und den Neustart zum Erfolg zu bringen“. Reiß ist seit September 2024 Nachfolger des streitbaren Claus Weselsky, zuvor war er zwei Jahre lang dessen Stellvertreter. Bisher schlägt der neue GDL-Chef jedoch ruhigere Töne an als sein Vorgänger. „Ich bin anders in der Kommunikation unterwegs und auch in meinem Auftreten“, hatte Reiß nach der Übernahme des Postens gesagt. Inhaltlich werde er den Weg Weselskys aber weitergehen. „Unser ausdrückliches Ziel ist es, dass sich diese Tarifrunde auf den Verhandlungstisch beschränkt“, erklärte Reiß nun. An die Friedensvereinbarung bis Ende Februar werde sich die Gewerkschaft selbstverständlich halten. „Wir zeigen uns kooperativ, wenn möglich – aber schrecken nicht davor zurück, konfrontativ zu werden, wenn es notwendig erscheint.“
Die GDL habe der Bahn bereits im Sommer 2025 angeboten, früher in die Gespräche einzusteigen, um mehr Zeit für Lösungen zu haben. Das wurde abgelehnt. Jetzt liege es an der Bahn, „in den vorgesehenen verbleibenden zwei Monaten konstruktiv zu verhandeln. Ob es ab März dann zu Streiks kommt, liegt natürlich in hohem Maße am Verlauf der Gespräche“, sagte Reiß. Weselsky hatte vor zwei Jahren schon nach der ersten Runde, die er als gescheitert ansah, einen Warnstreik ausgerufen. Auf diverse kürzere Warnstreiks und zwei mehrtägige Streiks im Januar folgten im März 2024 schließlich mehrere Wellenstreiks, die nur sehr kurzfristig angekündigt worden waren. Das erhöhte den Druck auf die Deutsche Bahn ebenso wie den Frust der Fahrgäste. Auf diese Weise setzte die GDL Ende März 2024 schließlich für Beschäftigte im Schichtdienst die Möglichkeit durch, die Arbeitszeit bis zum Jahr 2029 schrittweise auf 35 Stunden zu senken – ohne finanzielle Einbußen. Zum 1. Januar 2026 konnten nun diejenigen, die weniger arbeiten wollten, ihr Kontingent auf 37 Stunden herunterschrauben. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, freiwillig auf bis zu 40 Stunden aufzustocken – mit einem Entgeltplus von 2,7 Prozent je Stunde.
Die Tarifverträge der GDL gelten für etwa 10.000 Beschäftigte der Deutschen Bahn, das sind etwa 5 Prozent der Konzernbelegschaft. Heftigen Streit gab es in der Frage, ob die Bahn seit 2021 das Tarifeinheitsgesetz umsetzen darf. Dieses besagt, dass in einem Betrieb eigentlich nur die Tarifverträge derjenigen Gewerkschaft gelten, die dort die meisten Mitglieder hat – und das ist meist die wesentlich größere EVG. Nur in 19 der rund 300 Bahnbetriebe ist die GDL stärker vertreten, sie führt gegen das Tarifeinheitsgesetz deshalb mehrere Prozesse. Für die Verhandlungen sind in den kommenden Wochen insgesamt 14 Gesprächsrunden in Berlin angesetzt. Vier Treffen wird es im Januar geben. Vom 9. bis zum 13. und vom 23. bis zum 27. Februar sind zwei weitere Wochen eingeplant.
Die Bahn geht mit ausgestreckter Hand in die Tarifverhandlungen mit der GDL.